Computerrekonstruktion

 Späthellinistisches Peristylhaus in Ephesos

Das Hanghaus 1 in Ephesos ist ein Häuserblock, der eine trapezförmige Grundfläche von rund 3000 m² umfaßt und sich entsprechend der Hanglage über vier Bauterrassen erstreckt. An den Längsseiten sind schmale Stiegengassen, von denen aus die einzelnen Wohneinheiten, deren Räume sich um einen zentralen, Peristylhof anordneten, betreten werden konnten. Tiefgreifende Umbauten vom 1. Jh. v. Chr. an bis in das 5. Jh. n. Chr. haben das ursprüngliche Bebauungskonzept verschwinden lassen. Im NW-Bereich wurde im 1. Jh. n. Chr. eine repräsentative, palaisartige Anlage von etwa 1400 m² eingerichtet. Diesem Umstand verdanken wir den Fund eines späthellenistischen Peristylhauses, dessen Südflanke im Schutze der Felsstufe durch Anschütten für eine zusätzliche Baufläche teilweise erhalten blieb.

Das späthellenistische Peristylhaus im Zentrum der Stadt Ephesos gibt uns Einblick über Gepflogenheiten der Ausstattung und privates religiöses Brauchtum. Acht kleine Räume (ca. 4 x 4 m und 4 m Höhe) ordnen sich um den etwa quadratischen Peristylhof an, über dessen umlaufenden Säulengang sie zu betreten waren; entlang der Nordseite erstreckt sich ein Korridor, über den man von der Stiegengasse in das Haus eingetreten ist. Die Räume waren weiß ausgemalt, die Böden im Erdgeschoß bestanden aus Stampflehm und im 1. Stock aus großen einfachen weißen Mosaiken. Aufgehängte Tonmasken, kleine Marmor- und Tonskulpturen zählen zum dekorativen Inventar des Wohnhauses.  

Im Südgang des zentralen Peristylhofes in 3 m Höhe war ein Heroenrelief (in situ gefunden) in einer Nische eingelassen, von der aus der Heros auf das Geschehen im Peristylhof herabblicken konnte. Der Eingangskorridor in den Nordgang ist so gelegen, daß jeder Neuankömmling von dieser Position aus gesehen werden konnte. Der Heros nahm die Stellung eines „Schutzheiligen“ in diesem Haus ein. Das Relief zeigt einen sehr jugendlichen, rückwärtsblickenden Heros auf einem nach rechts schreitenden Pferd. Er befindet sich in einem heiligen Hain, der durch Bäume zu beiden Seiten angegeben ist.

      

                      Heroenrelief (Originalzustand)                                    Heroenrelief (Computer bearbeitet)

Über eine unbequeme Holztreppe gelangte man in das Obergeschoß. Die Fundlage in der Verschüttung gab deutliche Hinweise über die Möblierung in einem der cubicula. Auf einem Tisch aus marmornen Löwenbeinen, die schon in der Antike mehrfach restauriert wurden, standen mehrer Terrakotten, von denen drei gut erhalten waren. Zahlreiche weitere Bein-, Arm- und Kopffragmente von weiblichen Figuren ließen sich jedoch nicht mehr zusammensetzten. Hier an dieser Stelle repräsentieren Aphroditedarstellungen sowie Eros und Psyche wohl eher ein Bekenntnis zu subjektivem Genuß - der ästhetische Wert steht über dem religiösen Inhalt. (Text: Claudia Lang, Institut fur Kulturgeschichte der Antike)

Eros und Psyche (Original, Rekonstruktion mit Sockel)

 

Computerrekonstruktion

Auf Basis der Ausgrabungsfunde konnte der Hausgrundriss eindeutig bestimmt  und drei Rekonstruktionsvarianten für das Haus erstellt werden (siehe: Claudia Lang-Auinger: Hanghaus 1 in Ephesos, der Baubefund, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1996). Ausgehend von diesen Grundlagen und der Variante 3 mit der Annahme eines Oberstockes über dem gesamten Peristylhaus, die wegen der konstanten Mauerstärke als die plausibelste gilt, wurde eine Computerrekonstruktion durchgeführt. Das Modellieren und die künstlerische Bearbeitung des Reliefs und der Terrakottafiguren erfolgt von Ivan Iliev. Für das Haus wurde in 3D Studio MAX 2.5 ein komplettes 3D-Modell erarbeitet. Jeder einzelne architektonische Detail inkl. den Dachziegeln ist als eigenes 3D-Objekt modelliert. Die Säulen sind facettiert und nicht kanneliert. Das Hofpflaster wurde entsprechend den gefundenen Originalen ergänzt. 

Grosser Aufwand wurde in die Rekonstruktion des marmornen Tisches mit den Löwenbeinen gesteckt. Jedes Detail des Tisches wurde in 3D realisiert und erlaubt dadurch Ansichten aus allen Blickpunkten und Entfernungen.

 

Bilder (Frontalansichten) der drei insitu gefundenen Terrakotta-Figuren wurden mit dem Programm Adobe Photoshop 5.0 retuschiert und als Maps auf den Tisch gestellt. Eine 3D- Modellierung der Tonfiguren erschien zu aufwendig, da ein 3D-Scanner zum Erfassen eines 3D-Gitternetzes der Figuren  nicht zur Verfügung stand.

 

 

Für die Niederrösterreichische Landesausstellung 2001 "Sein und Sinn" in der Burg Ottenstein wurde eine fünfminütige Computeranimation erstellt. In dieser Animation wird ein Gang durch das Haus gezeigt. Die Animation beginnt mit zwei Ansichten von Ephesos. Eine kurze Version diese Animation ist hier.

Claudia Lang-Auinger (Institut für Kulturgeschichte der Antike, ÖAW), Ivan Iliev, Emanuel Wenger (Kommission für Wissenschaftliche Visualisierung, ÖAW)